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Ein Dankeschön an das Pferd … hieß es schlicht in der Einladung. Sie kam überraschend und ziemlich kurzfristig: „Dr. Frank Schellenberger, Christine Stückelberger und Elke Trümner laden Sie in Begleitung Ihrer Lebenspartnerin/Ihres Lebenspartners herzlich ein zu einer Galavorführung mit anschließendem Empfang in der Wiener Hofreitschule am 1. Adventssonntag, 30. November 2008.“ Wie und was daraus wurde, lesen Sie hier. Wenn die ersten Takte von Mozart erklingen, wenn sich das Tor der legendären Reithalle öffnet und die weißen Hengste mit ihren Reitern in akkuraten Abständen, kerzengerade und in vollkommener Aufrichtung langsam herein kommen – dann erhebt sich das Herz des Betrachters. Diese Pferde sind keine abgestumpften Showprofis, keine aufgepumpten Sportgeräte. Sie sind stolz, hochkonzentriert, mit solch augenscheinlicher Freude dabei. Spätestens jetzt wird klar: das Credo der Alten Meister, die gebotene Würde, die gebührende Ethik im Umgang mit dem Pferd – hier wird es praktiziert, es existiert noch. Und genau dies hat Pferdezahnarzt Dr. Frank Schellenberger in Zusammenarbeit mit den „Xenophon“- Aktiven, Goldmedaillen-Reiterin Christine Stückelberger und der Freiburger Pferdewirtschaftsmeisterin Elke Trümner dazu veranlasst, in einer schier übermenschlichen Anstrengung am ersten Advent 2008 rund 200 Gäste aus Politik und Wirtschaft, dem Fürstenhaus Habsburg, Verbänden und Organisationen in die Spanische Hofreitschule nach Wien einzuladen. Übermenschlich deshalb, weil die Idee dazu erst einige Wochen zuvor geboren wurde: an einem Ort, wo die Reitkunst noch immer als echte Kunst verstanden wird, wo man das Pferd als Kulturerbe der Menschheit ehrt, sollten Menschen zusammengeführt werden, die auf vielfältige Weise mit dem Pferd zu tun haben. Sie alle sollten sich kennen lernen, sich austauschen. Es sollte ein Anstoß sein, dem Pferd wieder den Stellenwert zukommen zu lassen, den es verdient – weg von seiner Existenz als „Material“ hin zum viel zu oft vergessenen Status als echten Partner des Menschen. Denn es ist eine Tatsache: Ohne das Pferd wäre die Menschheit in ihrer Entwicklung niemals so schnell so weit gekommen.Es wurde ein atemberaubender, ein erhebender erster Advent in Wien. Damit hatte niemand gerechnet. Es begann mit einem Cocktail-Empfang in den ehemaligen Privatsalons von Oberst Alois Podhajsky, bevor die Gäste zur 100-minütigen Galavorführung der Spanischen Hofreitschule Platz nahmen. Dem folgte eine Ansprache von Dr. Frank Schellenberger, der dabei vom Leiter der Hofreitschule, Ernst Bachinger und drei Bereitern flankiert wurde. Dann ging es zu einem Mittagessen („fürstliches Dinné“ wäre der passendere Ausdruck) quer über den Josefsplatz ins Palais Pallavicini mit seinem barocken Gold- Spiegelsaal, wo einst Mozart, Salieri oder Beethoven und heute noch Staatsoberhäupter empfangen werden. Musikalisch liebevoll untermalt wurde das Essen von Mezzosopranistin Beate Landmann und Pianistin Uraniah Keil. Den Abschluss bildete eine Führung durch die historischen Stallungen der Stallburg mit seinen 72 Lippizaner-Hengsten. „Wie kann ich den Pferden helfen?“ Alles wurde von Dr. Schellenberger privat finanziert. Es war kein Charity-Event, keine Spaß-Initiative des 41-jährigen Pferdezahnarztes aus Freiburg, keine Luxusparty, die er sich mal eben so leisten kann. Seine Idee war einfach, sein Engagement unerschütterlich: „Wie kann ich den Pferden helfen? Wie können Menschen zueinander finden, damit ihre gespaltenen Interessen zu einem großen Ganzen, nämlich dem Wohl des Pferdes zusammen geführt werden. Und wenn man von etwas wirklich überzeugt ist, dann muss man manchmal eben seinen Kopf hinhalten“ sagt er über seine Initiative. Ein Verrückter? Nein. In seiner Ansprache in der Hofreitschule erklärte er: „Dies soll ein Anstoß sein zur Zusammenführung von dem, was über zehntausend Jahre eine Einheit war und erst in der modernen Neuzeit beträchtliche Risse erfahren hat - eine Zusammenführung von Mensch und Pferd. Vor 500 Jahren waren die Spanier und ihre Pferde die Wegbereiter für die Entdeckung der so genannten Neuen Welt, und diese Tradition ist nirgends auf diesem Planeten besser gepflegt worden als hier in Wien an der Spanischen Hofreitschule. Hier ist der Ort, an dem die Menschen wieder finden können, was damals den Weg zur Neuen Welt ebnete.“Schellenberger führte weiter aus: „Jeder weiß, dass oft der einzige Weg, Durststrecken des Lebens zu überwinden, darin besteht, sich seiner Wurzeln und Freunde zu erinnern. Und für den Menschen gehört hier das Pferd unverzichtbar dazu. Das Pferd hat die Entwicklung der Menschheit in den letzten zehntausend Jahren mehr als jedes andere Tier geprägt. Das Pferd war von jeher der Wegbereiter für den technologischen Fortschritt, den der Mensch gemacht hat. Fortbewegung, Transport, Ernährung und Erschließung neuer Lebensbereiche - nichts ging in der Vergangenheit ohne das Pferd. Das Pferd war aber auch ein Lehrer, der dem Menschen nachhaltig moralische und ethische Verhaltensmuster aufprägte. Der Umgang mit dem Pferd hatte immer auch einen Einfluss auf den Umgang der Menschen mit sich selbst und mit anderen. Im Zuge dieser Entwicklung ist das Pferd von vielen Menschen in seiner Bedeutung abgewertet worden zu einem Marketingobjekt, Objekt der Begierde, Luxusartikel und Statussymbol - und von weiten Teilen der Gesellschaft wird es gar nicht mehr wahrgenommen. Wer aber wirklich in seinem Leben mit dem Pferd unterwegs war, der weiß, das Pferd ist weit mehr als das. Wir Menschen müssen uns wieder daran erinnern, was uns das Pferd gegeben hat und was es uns immer noch geben kann von dem, was uns in der heutigen Zeit abhanden gekommen ist. Das Pferd kann weit mehr sein als Wett- und Sportobjekt. Das Pferd kann uns helfen, zu uns selbst zurück zu finden. Eine zündende Idee Der erste Advent 2008 sollte das Schlüsseldatum und der Startschuss von Schellenbergers Initiative sein. Schellenberger: „Ich wollte, dass die Menschen, die meiner Einladung gefolgt sind, mit diesem Geist in die Weihnachtszeit gehen. Noch fünf Tage vorher wussten wir nicht, wie viele Leute kommen würden. Natürlich war es extrem kurzfristig, aber auf diese Weise wurde auch deutlich, dass die Gäste, die dann auch tatsächlich kamen, wirklich bereit waren, etwas für das Pferd zu tun.“ Seine Idee zündete sofort bei Christine Stückelberger und Elke Trümner. Schellenberger: „Christine und Frau Trümner haben sich durch nichts und niemanden beirren lassen. Sie haben Übermenschliches geleistet und riesige Listen von Leuten erstellt, die eingeladen wurden. Und die Event-Managerin der Hofreitschule, Eva-Maria Schöbinger hat Unmögliches möglich gemacht. Ohne sie wäre die Veranstaltung in dieser Form sicher nie realisierbar gewesen.“ „Eine Bekannte sagte, du spinnst!“ Christine Stückelberger hatte den Kontakt zur Wiener Hofreitschule hergestellt: „Ich war sofort positiv eingestellt. Eine Bekannte sagte zu mir, du spinnst, das kriegst du nie hin! Zuerst hieß es seitens der Hofreitschule, dass der erste Advent bereits für eine Firma gebucht sei und wir mit dem 28. November vorlieb nehmen müssten. Doch ein paar Tage später hatten die Wiener diese Firma auf den 28. umgebucht und wir konnten den ersten Advent haben. Daraufhin hat jeder von uns gearbeitet wie verrückt! Mit Dr. Schellenberger, Frau Trümner und mir haben sich Synergien getroffen, die wirklich passen. Ich bedauere sehr, dass die Vorstandschaft von Xenophon nicht kommen wollte. Sie hatten vorher gefragt werden wollen und waren verschnupft, dass ich etwas mache ohne sie. Aber das ist mir egal. Ich werde weitermachen – mit oder ohne sie.“ Die Flut der Reaktionen sei überwältigend gewesen. Stückelberger: „Es war wunderbar! Jeder war innerlich tief berührt von diesem Dank an das Pferd auf so hohem Niveau.“ Elke Trümner: "Unserer kurzfristigen Einladung folgten Menschen, für die das Pferd einen besonderen Stellenwert im Leben hat. Das war deutlich zu spüren und diese einzigartige Atmosphäre überstrahlte die gesamte Veranstaltung - ein fantastischer Ansatz auch für die Ausbilder, die sich in der täglichen Ausbildungsarbeit ehrlich um den Reiter und seinen Partner Pferd bemühen und deren Anliegen es ist, die ‚Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben’ nach Albert Schweitzer in unsere Reithallen zurück zu bringen. Ich sehe eine große Chance in dieser Initiative, danke Herrn Dr. Schellenberger, Christine Stückelberger und Eva-Maria Schöbinger herzlichst und freue mich jetzt schon auf weitere Veranstaltungen dieser Art." Die Event-Managerin der Hofreitschule, Eva-Maria Schöbinger nahm die Kurzfristigkeit einfach als „Herausforderung“ und erklärte bescheiden: „Man muss einfach die Pferde sprechen lassen. Wir beobachten immer wieder, wie berührt die Gäste sind – auch wenn sie sonst keine weitere Beziehung zu ihnen haben.“ „Es fühlt sich richtig gut an“ Frank Schellenbergers Fazit: „Es fühlt sich richtig gut an. Seit Wien gibt es jeden Tag eine neue Idee“. Als erstes Resultat wird er eine Stiftung „Pro Pferd“ gründen, die Vorbereitungen dazu laufen schon. Damit sollen zum Beispiel Forschungsprojekte zur Verbesserung der Pferdegesundheit gefördert werden. Schellenberger hat bereits die private Internet-Fernsehplatform „Reiter TV“ und Herbert Pils mit im Boot, Starfotografin Gabriele Boiselle hat ebenfalls zugesagt. Schellenbergers Projekt wird auch eine Schule für Pferdezahnärzte unter dem Dach der IGFP sein: „das Chaos in der Pferdezahnmedizin ist nicht nur für die Pferde eine unglaubliche Belastung“, sagt er. „Dort herrschen Zustände, die dem mittelalterlichen Niveau der Zahnmedizin für Menschen durchaus vergleichbar sind. Das ist so, als würden Sie Ihren Barbier bitten, Ihnen die Zähne zu richten.“ Natürlich habe er sich bei all dem und vor allem mit der Veranstaltung in Wien finanziell „weit aus dem Fenster gelehnt. Wenn es schief geht und im Sand versickert, muss ich wohl erstmal wieder ein wenig Zähne raspeln, um Zeit zum Nachdenken zu haben. Aber ich habe das Geld über die Pferde bekommen und möchte ihnen etwas zurückgeben. Ich vertraue den Pferden.“ 2009 wird sein Event in Wien am 2. Advent stattfinden, 2010 am dritten Advent, 2011 am vierten Advent…und dann „kommt das Christkind“ sagt er. „Und bis dahin wird unglaublich viel passiert sein!“ Kathrin Brunner-Schwer
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